Clamotti auf dem Krempelmarkt
-
West - Berlin der 80er

Krempelmarkt am Reichpietschufer

Es gibt keine Probleme, nur Aufgaben- ändern statt ärgern- wenn wir das nicht schon zu Anfang gelernt hätten…

In den sandigen Pfützenlandschaften auf dem Krempelmarkt am Reichpietschufer spiegelt sich, was in den achtziger Jahren zum Verkauf steht: abgehalfterte Schaufensterpuppen zwischen Kisten mit Entrümpelungen und Haushaltsauflösungen. Meterlange Tische bieten Kleider aus der Altkleidersammlung zu „stery marki“- vier D-Mark. 


1984 - Krempelmarkt Seenlandschaft
Die Stände sind Seegrundstücke auf dem Krempelmarkt nach einer durchregneten Nacht

1984 Krempelmarkt - Schaufensterpuppen morbide Puppenromantik

 


Mein Markttag beginnt bereits um 5 Uhr früh. Teilweise mit Fahrradanhänger, später dann von Freunden gefahren mache ich mich gemeinsam mit einem meiner besten Freunde mit meinen aufgekauften und absortierten Schallplattensammlungen auf den Weg, um den Traum eines DJ- Jobs und meines Schallplattenladens- Vinyl nennt sich das heute- zu verwirklichen.

1984 - Krempelmarkt Schallplattenstandmüde am Morgen nach meiner Einkaufsrunde
Susi Fey als DJ 1986 - Music was my first love Pink Floyd- „Money“ bei Brigitte Baumann- die Party zum Abschied von “ Misfit“ in Berlin Schöneberg 1990


Wer zuerst kommt, der bekommt den Platz, gilt so lange, wie Frankie, der die Macht hat und das auch weiß, mich nicht als Stammaussteller akzeptiert hat. Dafür muss erst der erste Winter vergehen…
Ich verbringe jedes meiner Wochenenden ausnahmslos bei eisiger Kälte hinter meinen Schallplattenkisten. Angora, dreifache selbstgeschnittene Einlegesohlen aus Alu und alten Pelzjacken versuchen in den Gigantenschuhen Größe 42 die Füße warm zu halten, den Körper ziert eine selbst genähte Jacke aus echtem Flokati Teppich- Wolle hält warm, auch wenn ich aussehe darin wie eine Bärin…

 


1986 - Krempelmarkt am Riechpietschufer - Einkauf am Morgen Wühltische sind meine Fundgrube- aus alt mach neu- Aufwertung zum neu designten Lieblingskleid
 


Zu Beginn des Tages gibt es noch bei Dunkelheit mit Taschenlampe ausgerüstet eine Runde über den Markt, schauen, was die privaten Aussteller mitgebracht haben: ich kaufe alles, was mir persönlich gefällt. Ein Paradies.

Dazu suche ich auf den langen Tischen der Iraner- Omas Brokatgardinen, Samdecken, Wandteppiche und Spitzenvorhänge. Zwanziger Jahre Kleider, Fracks, Felljacken… Nach einiger Zeit lasse ich mir alles, was ich möchte professionell vorab absortieren, so dass ich „nur“ nochdie Säcke nach Kilo mitnehmen kann aber auch „nur“ ohne Auto auf dem Kopf mit Freunden mit der U-Bahn nach Hause tragen muss.

Den schlechtesten Kaffee der Welt gibt es dann mit den anderen Händlern zusammen vor dem Imbiss. Nur ein paar hundert Meter neben der Mauer, die uns vom Potsdamer Platz trennt, ist die Welt in Ordnung. Mit Spaten bewaffnet buddeln wir im strömenden Regen unverdrossen Ablaufgräben und kippen gegen die Pfützen Kies vor unsere Stände, spannen Planen und bereiten uns auf die Menschenmengen vor, die im Laufe des Tages hier durchlaufen werden. Selbst bei eisiger Kälte und Schnee oder Regen sind auf Grund der Platzpolitik von Frankie alle Stammhändler jedes Wochenende da. Die kalte Präsenz lohnt sich oft auch trotz aller Widrigkeiten auf dem tatsächlich trotzdem erstaunlich gut auch bei „Wessi- Touristen“ bekannten Flohmarkt.

1984 - Krempelmarkt Kistenwelten Teetässchen, Schreibmaschinen und röhrender Hirsch als Teppich für die Wand… das Geweih inklusive: der Inhalt der Kisten spiegelt den Geschmack der vorangegangenen Generation und füttert meine Fantasie und die Vielfältigkeit meiner Wohnung

1984 - Krempelmarkt - Speichenräder

 

Leave a Reply

1 Comment

Tara Nagel - 26. Okt, 2018 - Antworten

Ich erinnere mich gut an diese Zeit! Wir haben damals Ohrringe verkauft, die aus dem Innenleben geschlachteter Wecker gemacht waren. (damals gab es noch Wecker mit Zahnrädern drin!) Im Winter musste man ständig der Versuchung widerstehen, das mühsam verdiente Geld gleich am Glühweinstand wieder auszugeben. Du warst manchmal unsere Nachbarin. Deine Klamotties gefallen mir heute noch!
Liebe Grüße,
Tara